Zum Nachlesen: Karfreitagsansprache

„Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist´s eine Gotteskraft.“

Liebe Zuhörende,

wir kennen alle die Erzählung der Kreuzigung Jesu auf dem Hügel Golgatha draußen vor den Toren Jerusalems. Jedes Jahr läuft es mir wieder neu kalt den Rücken herunter, wenn ich die die entsprechenden Texte in einem der vier Evangelien lese und dann auch noch mal die ganzen Begleitumstände von Jesu Tod detailliert erfahre. Jesus ist ja nicht nur gekreuzigt worden, was ja schon schlimm genug wäre, sondern er wurde zudem vorher gefoltert, wurde verhöhnt, musste sein Kreuz selber tragen, musste Essig trinken, musste mit ansehen, wie ihm auch noch das wenige, das er besaß, genommen wurde, darüber das Los geworfen wurde, wurde nach dem Tod durchbohrt.
 

Mit dem eben gehörten 22.Psalm frage ich so wie Jesus: Mein Gott, warum hast Du Jesus verlassen? Warum hast Du solch ein Leid zugelassen? Wenn Jesus nicht getötet und gestorben wäre, hätte er doch noch viel mehr bewirken können, viel mehr Menschen von Gott erzählen, viel mehr Menschen Gutes tun, sie heilen, viel mehr Menschen um sich sammeln, das Reich Gottes aufbauen können.

Vielleicht – vielleicht aber auch nicht!. Vielleicht ist es wirklich so wie der Apostel Paulus in einem seiner Briefe, im 1.Korintherbrief, mal geschrieben hat: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist´s eine Gotteskraft.“ Ja, vielleicht ist der grausame Tod, das Kreuz nicht nur ein Verlust, sondern vielmehr ein Gewinn, nicht eine Niederlage sondern vielmehr ein Sieg. 
 

Der jüdische Dichter Paul Celan, der 1920 in Cernowitz in Rumänien geboren wurde und der im Alter von nur 50 Jahren im Jahr 1970 in Paris starb, hat diesen Sieg des Karfreitag mal im September 1965 in folgende Worte gefasst: EINMAL,/ da hörte ich ihn,/ da wusch er die Welt, / ungesehn, nachtlang, / wirklich. / Eins und Unendlich,/ vernichtet, ichten. / Licht war. Rettung.
 

Einmal da wusch er die Welt – weil er der Welt ihre ganze Grausamkeit vor Augen führte, weil er sich den Gequälten dieser Welt, den Vernichteten, den unter dem Joch anderer Leidenden, die es zu Paul Celans Zeiten millionenfach gab und die es leider immer wieder gibt, zur Seite stellt, weil er auch im größten Leid Liebe übt, weil er Menschen zusammenbringt, weil er Vergebung lebt, weil er Leid erträglich macht. Ja, einmal da wusch er die Welt, da zeigte er es der Welt, da öffnete er ihr die Augen – für ihre Grausamkeit, für Gottes Liebe, für Gottes Opferbereitschaft, für die Solidarität von Gott zum Menschen, von Menschen untereinander. 
 

Licht war. Rettung – nicht nur für Jesus, auch für uns, auch für die vielen Leidenden dieser Welt, weil Menschen durch Jesu Sterben, durch das Dabeisein des Gottessohnes Kraft in ihrem Leiden bekommen, anderen Leidenden zur Seite stehen können, gegen das Leiden aufstehen können, die Welt im Zeichen des Kreuzes verändern können.
 

EINMAL,/ da hörte ich ihn,/ da wusch er die Welt, / ungesehn, nachtlang, / wirklich. / Eins und Unendlich,/ vernichtet, ichten. / Licht war. Rettung. – Was für ein Gedicht von Paul Celan! Was für ein Blick auf Karfreitag – weg von der Niederlage, vom Tod – hin zum Sieg und zum Leben. Amen.
 

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