Zum Nachlesen: Andacht zum Sexagesimae

„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht“ (Hebr 3,15)

Liebe Zuhörende, 

schön, dass Sie mir jetzt zuhören. Das passiert mir und das passiert Ihnen ja nicht immer so. Denn wie oft erleben wir es in unserem Leben, dass wir einem anderen etwas erzählen, etwas mitteilen wollen, was wir Tolles oder Schlimmes erlebt oder gehört haben, oder was wir vorhaben oder wo wir seine Meinung oder seinen Hilfe brauchen, und der andere hört gar nicht zu. Umgedreht gab und gibt es aber auch genügend Situationen, wo uns andere, der Partner oder die Partnerin, das Kind oder der Enkel, der Kollege oder die Kollegin, etwas sagen wollen, etwas, was ihnen auf der Seele liegt, und wir hören nicht zu oder sagen: Erzähl es mir oder frag mich später nochmal, da hab ich mehr Zeit.
 

Ja, mit dem Zuhören ist das so eine Sache, obwohl wir alle wissen, dass nicht zugehört zu bekommen auf taube Ohren zu stoßen, vertröstet zu werden, richtig wehtun, schmerzen kann. Wenn einem nicht zugehört wird, dann fühlt man sich nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen, fühlt sich minder-wertig. Man hat ja im Moment etwas auf dem Herzen, was man loswerden will, wo man den anderen dran teilhaben lassen will, wo man die Meinung des anderen hören will. Und wer weiß, ob das morgen noch dran ist ob man morgen noch den Mut hat, das zu sagen.
 

Nicht nur wir wollen uns gegenseitig was sagen und wollen gehört werden, auch Gott will uns was sagen, will uns was mitteilen. Aber hören wir Gott zu? Natürlich würden wir Gott zuhören, wenn er zu uns sprechen würde, aber wir hören leider nichts. Wirklich nicht? Oder wollen wir nichts hören oder hören wir nichts, weil wir auf etwas ganz anderes warten, weil wir vom allmächtigen und barm-herzigen Gott eine große und mächtige Stimme erwarten, die uns etwas Großes und Gewaltiges sagt.
 

Mir fällt in diesem Zusammenhang eine kleine Geschichte ein, die Sie vielleicht schon kennen: Eines Nachts träumte eine Frau von Gott und Gott versprach ihr, dass er sie am nächsten Tag besuchen werde. Am nächsten Morgen putzte die Frau ihr Haus von oben bis unten und richtete alles für den lieben Gott.  Gegen Mittag kam ein Bettler, der um Essen bat. Doch die Frau schickte ihn weg, weil sie doch auf den lieben Gott wartete. Einige Zeit später kam eine alte Frau, die sich bei ihr eine Stunde aufwärmen wollte. Auch sie wurde hinausgewiesen, denn Gott konnte ja jede Minute vorbei-kommen. Zuletzt erschien ein alter, gebrechlicher Mann, der eine kleine Hilfe von ihr forderte. Auch er musste rasch wieder gehen, denn Gott hatte doch seine Ankunft angekündigt. Am Abend war die Frau ganz traurig. Niemand hatte sie besucht, Gott war ausgeblieben. Aber als sie sich zu Bett legte, träumte sie wieder von Gott und er sagte:„Dreimal war ich heute bei dir und dreimal hast du mich weggeschickt!"
 

Eine einprägsame und zum Nachdenken anregende Geschichte, eine Geschichte, die verdeutlichen will, dass Gott täglich zu uns kommt und zu uns spricht, nicht nur im Gebet oder im Gottesdienst, wo man  es noch am ehesten vermuten würde, sondern auch und vor allem durch andere Menschen. Er spricht zu uns durch Menschen, die unsere Hilfe brauchen, die uns auf Schlimmes oder aber auf Freudiges hinweisen. Er spricht zu uns durch einen Text, der uns nicht mehr loslässt. Er spricht zu uns durch Sonnenstrahlen, die ein Lächeln in unser Gesicht zaubern.
 

Im Wochenspruch heißt es: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht“ (Hebr 3,15), ein Vers, der auch an vielen anderen Stellen der Bibel vorkommt. Wir hören je-den Tag die Stimme Gottes, aber wir erkennen sie oft nicht, wollen sie oft nicht hören oder wir hören sie und sagen uns:  Das habe ich doch schon gestern gemacht oder das kann ich auch noch morgen machen. Aber es heißt „Heute - wenn ihr meine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht Heute und nicht gestern oder morgen! Heute sollen wir offen für Gottes Stimme sein und sollen ihr folgen und sollen tun, was sie sagt. Und wenn wir Gottes Stimme hören, dann tut das nicht nur Gott und dem Nächsten sondern auch uns gut. Sie bringt uns Leben, Sinn, Freude und Gemeinschaft.
 

„Heute, wenn ihr meine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ Gott spricht jeden Tag mit uns, er gibt nicht auf, er bleibt dran, obwohl wir Menschen immer wieder nicht hören. Er gibt nicht auf, weil er mit uns sein Reich aufbauen will und auch aufbauen wird, ein Reich, in dem wir alle einander zuhören, gut zusprechen, Gerechtigkeit und Frieden erleben. Amen. 

 

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