Zum Nachlesen: Andacht zum Ewigkeitssonntag

Alles in Blüte / aber du trauerst / um Eisblumen / Schnee und Schlittenpartie

„Auch deine Trauer“, Rose Ausländer

Ich habe eine besondere Vorliebe für die moderne Lyrik und mache sie auch oft zur Grundlage meiner Ansprachen. Heute habe ich ein Gedicht der erst in späten Jahren zu Ruhm gekommenen jüdischen Dichterin Rose Ausländer dabei. Rose Ausländer wurde 1901 in Czernowitz in der Bukowina, dem Grenzgebiet von Rumänien zu Modawien, geboren, wandelte später mehrmals zwischen Rumänien, Ungarn, Österreich und Amerika hin und her, und siedelte schließlich nach Deutschland über, wo sie dann 1988 in einem jüdischen Altersheim in Düsseldorf verstarb. 

Rose Ausländer schreibt in ihrem Gedicht „Auch deine Trauer“: 

Alles in Blüte / aber du trauerst / um Eisblumen / Schnee und Schlittenpartie 

Ein Freund ruft / Frühling / einen anderen hat / das Erdbeben zerstört 

Wein und Tanz / trösten dich nicht / Alles in Blüte / auch deine Trauer. 

Alles in Blüte – nicht alles, aber vieles, und nicht nur im Frühling, sondern auch im Sommer, Herbst und Winter. Ja, bei uns war vieles in Blüte, hat Vieles aufgeblüht in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. An einem Tag wie heute, dem Toten- oder Ewigkeitssonntag, wo wir uns an die Verstorbenen erinnern, blühen diese vielen Blüten nochmal auf, kommen viele Erinnerungen an schöne Zeiten, an gemeinsam gemeisterte Momente, an gemeinsam durchlittene und durchstandene Augenblicke, nochmal hoch, sind präsent. Da gab es die Zeiten der Kindheit und Jugend, die Zeiten der Ausbildung oder des Studiums, die Berufsjahre, die Jahre, in denen eine Familie gegründet wurde und viele andere Zeiten.

Und doch, auch wenn vieles blühte und wir dankbar darauf zurückschauen, so finden wir uns dennoch in den Worten Rose Ausländers wieder: Alles in Blüte aber du trauerst – Alles in Blüte auch deine Trauer. Ja, auch die Trauer blüht, nicht nur das Leben davor. Und vielleicht blüht die Trauer gerade deshalb, weil vieles vorher so schön geblüht hat und man sich gerne noch weitere Blüten gegönnt hätte und man gerne noch weiter durch blühenden Zeiten gemeinsam gegangen wäre und weil es womöglich keine rechte Zeit des Abschieds gegeben hat. Vieles blühte, vieles hätte noch blühen sollen und können, aber es hat nicht sein sollen, so gerne wir es gehabt hätten. Diesen Verlust, diese Trauer kann man nicht einfach wegwischen, da kann man nicht sagen, es gab doch viel Schönes. Es gibt doch noch viele andere schöne Dinge, viele andere liebe Menschen, viele andere Beschäftigungen, und Du kannst doch nicht ewig trauern. 

Nein, so kann man mit Trauer nicht umgehen. Besser ist da, was Rose Ausländer durch die Blume, Blüte vermitteln will: Alles in Blüte auch deine Trauer. Ja, Trauer muss blühen, muss ausgesprochen, ausgelebt werden, gegenüber der Umwelt, gegenüber den Mitmenschen, gegenüber Gott. Erst wenn Trauer blüht, erst wenn Trauer ausgesprochen, ausgelebt wird, dann kann man sich Neuem zuwenden, kann man die vielen Blüten auch genießen, kann man den Reiz von Frühling, Sommer, Herbst und Winter entdecken, Zeit mit Kindern oder Enkelkindern verbringen, über Gott und die Welt staunen. Alles in Blüte aber du trauerst – alles in Blüte auch deine Trauer – alles in Blüte weil du trauerst. Ja, wenn wir wirklich trauern, dann kann daraus auch etwas entstehen, dann können wir Zukunft bauen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit anderen Trauerenden treffen, dass wir gemeinsam gedenken, trauern, die Nähe der von uns Gegangenen aber auch die Nähe Gottes, Gottes Schöpfung spüren, dass wir trotz Trauer auf Gott vertrauen, nach ihm Ausschau halten oder wie es der Wochenspruch dieser Woche sagt: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen“, denn es könnte auch in der Trauer etwas passierend. Es ist wichtig, dass die Trauer blüht, damit wir blühen, wieder aufblühen, leben können. Alles in Blüte. Amen. 

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