Gottesdienst zum 19. Sonntag nach Trinitatis

„Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jeremia 17,14)

„Not lehrt beten“ – wer von uns kennt nicht dieses alte Sprichwort? Klar, es gibt auch Menschen, die beten nicht oder nicht mehr, wenn sie in Not sind, weil sie sich von Gott in ihrer Notsituation allein gelassen fühlen, sich nichts von ihm erhoffen. Aber es gibt vermutlich noch mehr Menschen, die finden in der Not den Weg zu Gott, klagen Gott ihr Leid und bitten ihn um Hilfe – zum Beispiel dann, wenn sie oder ihre Lieben schwer krank sind, wenn sie ihre Arbeit verloren und/oder von Armut betroffen sind, wenn ihnen Gewalt angetan oder ihnen die Freiheit genommen wird, oder wenn sie die zerstörte Natur, das sich wandelnde Klima und anderes mehr sehen. Ja, „Not lehrt beten“ und vielleicht beten manche Menschen dann auch mit den Worten des Wochenspruchs dieser Woche: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jeremia 17,14) – ein Gebet des Propheten Jeremia, der es in seinem Leben wahrlich nicht leicht hatte. Immer wieder machte er die Erfahrung, dass die Menschen seine Botschaft gar nicht hören wollten, dass sie ihn beleidigten, misshandelten, nach dem Leben trachteten.

 

„Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ – ich frage mich, ob es sich der Prophet Jeremia da nicht ein bisschen zu leicht macht und ob er da nicht bitter enttäuscht wird. Wenn es so einfach wäre, dann würden doch alle Menschen Stoßgebete zum Himmel schicken und dann würde die Welt doch anders aussehen oder eben auch nicht.

 

Es gibt eine wunderschöne Geschichte des brasilianischen Erzbischofs Dom Helder Camara, die genau das deutlich macht, dass es das Stoßgebet allein nicht ist: „Zwei Lastkutscher kamen mit vollgeladenen Eselkarren einher. Die Wege waren verschlammt, und die beiden Karren fuhren sich fest. Einer der beiden Kutscher war fromm. Er fiel dort im Schlamm auf die Knie und begann, Gott darum zu bitten, er möge ihm helfen. Er betete, betete ohne Unterlass und schaute zum Himmel. Währenddessen fluchte der andere wütend, arbeitete aber. Er suchte sich Zweige, Blätter und Erde zusammen. Er trieb den Esel an. Er schob am Karren. Er schimpfte, was das Zeug hielt. Und da geschah ein Wunder: Aus der Höhe stieg ein Engel nieder. Zur Überraschung der Kutscher kam er jedoch demjenigen zur Hilfe, der geflucht hatte. Der arme Mann war ganz verwirrt und rief: „Entschuldige, das muss ein Irrtum sein. Sicher gilt die Hilfe dem anderen.“ Aber der Engel sagte: „Nein, Gott hilft dem, der versucht, sich selber zu helfen.“

 

Das, was Dom Helder Camara da erzählt, das ist uns nicht ganz unbekannt. Wir haben schon oft genug im Leben die Erfahrung gemacht, dass Heilung und Hilfe besser gelingt, wenn ich auch selber im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu beitrage. Ich komme nach einer Verletzung schneller auf die Beine, wenn ich die Übungen des Physiotherapeuten auch beherzige. Ich lerne nachhaltiger, wenn ich das Beigebrachte auch wiederhole. Ich bekomme besser Spenden für ein Projekt zusammen, wenn ich auch selber etwas in den Topf lege. Der Pädagoge Pestalozzi hat das zugespitzt mal so formuliert: „Wer sich nicht selbst helfen kann, dem kann niemand helfen“ – auch Gott nicht.

 

Auch wenn es zunächst nicht den Anschein hat, so macht auch der Prophet Jeremia den Erstaufschlag. Er bringt vor Gott, was er sich schon alles abgerackert hat, wie er sich gegen die Anfeindungen gewehrt hat und dann sagt er: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Schau Gott, was ich tue und steh mir zur Seite, schenk mir den Mut und die Kraft dranzubleiben, nicht aufzugeben, dein Wort zu verkündigen.

 

Natürlich gibt es manchmal im Leben auch Situationen, wo man sich gar nicht mehr selbst helfen kann, wo man dem Leid wehr- du hilflos ausgeliefert ist. In solchen Situationen will Gott auch helfen, ohne dass wir unseren Teil dazu beitragen können, will Gott uns Engel und Menschen schicken, die uns durch das Leid hindurch- und manchmal auch hinausführen.

 

Grundsätzlich aber will er, dass wir alles uns Mögliche tun, uns selbst zu helfen. Wir sind seine Kinder, mit vielen Möglichkeiten und Fähigkeiten begabt, mehr als wir oft meinen und als wir uns zutrauen - Gott hat uns von Anfang an geholfen, so dass wir gut durchs Leben kommen können und er wird uns auch helfen, wenn alle Stricke reißen: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ – was für ein schöner Vers für die kommende Woche. Amen.

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