Zum Nachlesen: Ansprache zum 15. Sonntag nach Trinitatis

„Stärke uns den Glauben." (Lukas 17,5.6)

Liebe Zuhörende, 

„Stärke uns den Glauben“ – so sagen es die Jünger Jesu im Predigttext dieser Woche zu Jesus. (Lukas 17,5.6) - ein Satz der auch aus unserem Mund hätte kommen können. Viele von uns haben so oder ähnlich ein Stoßgebet in den Himmel geschickt, wenn sich das Leben durch Krankheit, Tod Trauer schwer gestaltete und man echt am Zweifeln, am Verzweifeln war und man seine letzte Hoffnung in Gott sah. „Stärke uns im Glauben, hilf uns, dass wir da gut durchkommen, sag uns, was wir tun sollen.“ Wie nah sind uns diese Worte – wie fern ist uns aber zunächst die Antwort Jesu auf diese Bitte der Jünger. „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!“ Die Worte Jesu hören sich fast so an, als ob er seinem Gegenüber den Glauben abspricht und auch nicht zutraut. Vielleicht wollte Jesus mit seinem Satz sein Gegenüber aber auch nur darauf aufmerksam machen, dass die Bitte an sich schon grotesk ist. Vielleicht konnte man den Glauben gar nicht stärker machen, gab es gar keinen schwächeren und stärkeren Glauben, sondern gab es nur den einen Glauben. Vielleicht war und ist der Glauben wirklich wie ein Senfkorn, ein Teil von Gottes Schöpfung. Vielleicht war und ist der Glauben eine Geschenkt Gottes, das man sich nicht erwerben und auch nicht vergrößern oder verkleinern kann, sondern dass man sich nur und vor allem schenken und in sich pflanzen lassen kann und darf. Vielleicht ist der Glauben nicht das Bestreben bei Gott sein zu wollen sondern Gottes Bestreben bei uns zu sein. Vielleicht ist der Glauben unsere tiefes Vertrauen, dass Gott bei uns sein will und bei uns ist und auch weiterhin bei uns sein wird und auch Krankheit, Tod und Trauer und Zweifel und Verzweiflung uns nicht von Gott uns seiner Liebe trennen können. 

 Natürlich kann man mit dem Bewusstsein, dass Gott bei einem ist und einen so nimmt wie man ist, keine Maulbeerbäume ausreißen und ins Meer werfen und auch keine Berge versetze, wie es an anderer Stelle der Bibel heißt. Natürlich kann man mit dem Vertrauen auf Gottes Liebe keine schweren Krankheiten besiegen, keinen Tod zunichtemachen, keine Krise von heute auf morgen beseitigen. Aber man kann mit dem Glaube, mit dem Vertrauen auf Gottes Liebe, auf Gottes Zuwendung diese schwierigen Zeiten durchstehen, kann in ihnen bestehen, weil man Gott auf seiner Seite weiß, weil man weiß, dass Gott einen sieht du hört, dass Gott mit einem leidet und dass Gott mit einem den schweren Weg geht und nach einem Ausweg sucht und ihn auch bereithält. Und wer weiß vielleicht kann man mit diesem Vertrauen auf Gottes Liebe doch noch  den ein oder anderen kleinen Maulbeerbaum ein klein wenig ausgraben und versetzen oder ihn zum Ausreißen und Versetzen bewegen, vielleicht nicht gerade ins Meer, aber da, wo er besser Frucht bringt, wo Licht auf ihn fällt, und er Wasser und Erde zum Gedeihen hat.
 

Mir fällt in diesem Zusammenhang die kleine Geschichte „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Leo Tolstoi ein, in der vom Leiden und Sterben eines russischen Beamten und von dem Versuch durch Arbeiten und Beten das Leiden zu mindern, erzählt wird. Doch Minderung des Leidens erfährt Iwan Iljitsch erst da, als ihm der Bauernbursche Gerassim zugeteilt wird. Gerassim nimmt Iwan Iljitsch so, wie er ist und steht hm in allem zur Seite und Iwan Iljitsch lässt ihn gewähre und so kann es seine Krankheit und sein Sterben und das ganze Drumherum besser ertragen und kann getrost dem Tod und dem, was danach kommt, entgegengehen. 

 

Glauben heißt, sich von Gott beschenken zu lassen und der Liebe Gottes zu vertrauen und sie durch Gerassim oder einen anderen Menschen, durch das einfache Dasein, ein gutes Wort, eine nette Geste, eine hilfreiche Tat auch erfahren zu können. Gott will uns in vielerlei Gestalt in allen Tagen unseres Lebens und besonders in den schweren Tagen des Lebens zur Seite stehen, will unser Leben mittragen und will uns so durchkommen und bestehen lassen. Manchmal ist das nicht zu erkennen, manchmal ist Gottes Liebe wirklich schwer zu spüren, aber sie ist da, immer und an jedem Ort. Darauf können wir uns verlassen. Ich wünsche uns, dass uns dafür die Augen geöffnet werden, dass wir unsere Hände öffnen können und dass wir uns beschenken lassen. Ich wünsche uns einen Glauben wie ein Senfkorn, aus dem am Ende aller Tage ein großer Baum geworden ist. Amen. 

 

 

 

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