Zum Nachlesen: Ansprache zum 10. Sonntag nach Trinitatis

Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

2. Mose 19,5.und 6

 

 

Liebe Gemeinde, 

jeder von uns hat Wüsten in seinem Leben erlebt, Durst-strecken, Strecken, wo es einem an Vielem gefehlt hat, wo so scheinbar alles stillstand und es nicht voranging, wo ein Tag wie der andere schien, wo es scheinbar keinen Ausweg gab, wo man eine riesige Sehnsucht nach Leben hatte. Vieles kommt mir hier in den Sinn, zum Beispiel Zeiten, in denen man schwer und lange erkrankt und ans Bett oder das Haus gebunden war, oder Zeiten, in denen man keine Arbeit hatte, die Langeweile und der Frust überhandnahmen und man jeden Cent zweimal rumdrehen musste, oder Zeiten, in denen man einen lieben Menschen durch Tod oder Trennung verloren hat und sich eine riesige Leere auftat – manche von uns haben diese Zeiten in den letzten Monaten während der Pandemie erlebt–aber auch viele Jahre und Jahrzehnte davor 

 

Gut, wenn dann jemand bei einem ist und man dann nicht ganz allein ist, gut, wenn dann einer hilft, ein gutes und hilfreiches Wort spricht, einen in der Wüste versorgt, einem Schatten spendet, einem den Hunger und den Durst stillt, einem einen Weg durch die Wüste zeigt, einen gut durch die Wüste, gut durch die Krise führt. 

 

Im Predigttext dieses 10.Sonntags nach Trinitatis aus dem 2.Buch Mose wird Menschen in der Wüste, nicht nur in einer Durststrecke im übertragenen Sinn sondern in einer ganz realen Wüste, auch solch ein vermeintliche gutes und hilfreiches Wort zugesprochen. Drei Monate waren diese Menschen, ein Teil des Volkes Israel, nach ihrem Auszug aus Ägypten und dem Durchzug durchs Schilfmeer nun schon in der Wüste, litten Durst und Hunger, kamen vom Weg ab, wurden angegriffen, waren fast am Ende, und dann kamen sie an einen Berg, wo Gott über Mose zu ihnen folgende Worte, die heutigen Predigtworte, sagte: 

„Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2.Mose 19,5.und 6) 

 

Wie mögen die Israeliten auf diese Worte nur reagiert haben? Und wie würden wir heute reagieren, wenn uns jemand solche Worte sagen würde? Vielleicht würden wir uns fragen und sagen: Nimmt der uns eigentlich ernst, hat der gesehen, wie es uns ergangen ist und wie es uns ergeht und welche Sehnsucht wir haben? Wir brauchen in der Wüste doch kein „Hat bisher doch alles gut geklappt, war doch alles nicht so schlimm“ und kein „reiß dich mal zusammen, mach, was ich dir sage, halt dich an meine Spielregeln und alles wird gut.“ Nein, wir brauchen in der Wüste doch etwas anderes, wir brauchen ein: „Ich erahne, was du erlitten hast und erleidest. Ich fühle mit Dir, leide mit Dir. Ich helfe Dir, dass Du aus der Wüste raus kommst, dass Dein Durst und Deine Sehnsucht gestillt wird, dass Du Dich wieder frei bewegen kannst und Du tun und lassen kannst, was und wie Du es willst.“ Ja, so etwas brauchen wir, ein Ernstnehmen und ein Mianpacken. 

Wie also kann Gott sagen: „Ihr sollt mein Eigentum sein, ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“?  Wir wollen nicht weiter gegängelt und im Leben eingeschränkt sein, wir wollen wieder atmen und leben können! – Aber halt, nicht so schnell: Das, was zunächst wie eine Zumutung, ein Anspruch klingt, Widerspruch und Ablehnung erzeugt, ist im Gegenteil ein Entgegenkommen, ein Zuspruch, das und der wahrhaft gut tun und helfen kann und auch gut tut und hilft, wenn man das an sich heranlässt. 

 

Gott spricht zwar wirklich im Blick auf uns von seinem Eigentum, vom Königreich der Priester und vom heiligen Volk, aber er weiß, dass er für sein Eigentum, für sein Bodenpersonal, für seine Gotteskinder besonders verant-wortlich ist, dass er für sie Sorgfalt zu üben, sie zu behüten und sich um sie zu kümmern hat. Und genau das soll hier rüberkommen: Ich weiß mich Euch ganz besonders verant-wortlich. Ich verspreche Euch nicht den Himmel auf Erden, ich verspreche Euch aber, dass ich Euch da hindurchführen werde, egal, was da kommt und egal wie ihr drauf seid. Ich führe Euch durch die Wüste hindurch und Ihr werdet sehen: Am Ende werdet ihr Euer Eigenes haben, werdet Ihr frei wie die Könige sein, werdet Ihr Euch heilig und sicher fühlen. 

 

„Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“. – Das Volk Israel hat sich, trotz vielleicht anfänglichem Zögern, die Worte Gottes sagen lassen, ist, wie wir wissen, mit diesen Worten gut durch die Wüste gekommen, obwohl der Weg mit 40 Jahren und vielen Hindernissen noch wahrhaft lang und schwer war. Und auch wir können mit diesen Worten gut durch die Wüsten unseres Lebens kommen, weil die Worte uns nicht belasten sondern entlasten, weil Gott uns zusagt, dass er ganz dicht bei uns ist, dass wir ihm viel wert sind und dass er uns all das schenken will, was wir brauchen, um gut durchs Leben und vor allem durch die Krisen zu kommen. Wir sind für Gott nicht irgendwer, wir sind ihm heilig! Ist das nichts?! Was tut das gut, dass mir jemand sagt: „Du bist ganz kostbar, einzigartig, heilig.“ Wir sind Gott heilig. Das ist viel, sehr viel oder wie es die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz mal ausgedrückt hat: „Zeile für Zeile, meine eigene Wüste, Zeile für Zeile, mein Paradies“ oder „Schritt für Schritt durch die Wüste und Schritt für Schritt mit Gott Gott entgegen.“ Die Israeliten damals sind uns vorausgegangen und wir können und dürfen ihnen nachfolgen, können und dürfe erleben, dass es Wege aus der Wüste gibt. Amen.

 

 

 

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