Zum Nachlesen: Ansprache zum 3. Sonntag nach Trinitatis

„Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut.“

Augustinus von Hippo

Liebe Zuhörer*innen,

der Kirchenvater Augustin hat mal gesagt: „Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut“ – ein wahres Wort. Ja, Leben wird reicher und lebenswerter, wenn ich mich freuen kann, und Leben wird ärmer und bedrückender, wenn die Freude fehlt. Doch worüber freuen wir uns eigentlich und was bereitet uns am meisten Freude? Freuen wir uns besonders darüber, dass uns die reiche Tante reich beschenkt hat, dass wir nach gutem Lernen eine gute Note bekommen haben oder dass im Hochsommer die Sonne scheint? Oder freuen wir uns nicht vielmehr darüber, dass uns ein Wohnsitzloser eine Blume überreicht, dass uns trotz mangelndem Training eine Rekordzeit gelungen ist, dass ein Mensch, mit dem wir uns total verkracht haben, anruft oder vor der Tür steht, dass uns jemand besucht und uns hilft, mit dem wir in unserer Notlage nicht gerechnet haben? 

 

Wir freuen uns über vieles, aber am meisten freuen wir uns immer noch über Dinge, die wir nicht erwartet haben, die so ganz andere gekommen sind als wir es uns gedacht oder gar befürchtet haben oder wie es der französische Schriftsteller Antoine de St. Exupéry mal schrieb: „Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet.“ – eben: beim Chef, der einen lobt, obwohl er sonst nie einen Ton herausbekommt, beim Schwerkranken, der einen anlächelt, obwohl er unsägliche Schmerzen hat, beim Freund, der einem verzeiht, obwohl man ihm übel mitgespielt hat, beim Vater, der einem aus der Patsche hilft, obwohl man sich jahrelang nicht gemeldet hat. 

 

Warum sollte es bei Gott anders sein? Auch Gott braucht für sein Leben die Freude, will sich unbändig freuen, und er freut sich am meisten über das, was er nicht erwartet, was Dinge auf den Kopf stellt. Darum geht es auch im heutigen Predigttext aus dem Lukasevangelium, in dem davon erzählt wird, wie Sünder und Zöllner zu Jesus kamen und er mit ihnen aus lauter Freude feierte und wie Jesus dann den umstehenden Pharisäern und Schriftgelehrten die Gleichnisse vom verlorenen und wiedergefundenen Schaf und der Münze, und dem verlorenen und zurückgekehrten Sohn erzählte, und die alle mit dem Satz endeten: „Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel und vor den Engeln sein über einen Sünder, der Buße tut.“  

Ja, „Gott ist ein Gott der Freude“, wie es der Heilige Franz von Sales mal ausgedrückt hat und er ist ganz aus dem Häuschen, wenn ein Mensch Buße tut, wenn er einsieht, dass sein bisheriges Leben nicht in Ordnung war, wenn er umkehrt und sich ihm und den Mitmenschen wieder zuwendet. Gott sagt nicht, wie wir es manchmal tun: „Deinen Sinneswandel nehme ich Dir nicht ab“, „Das, was Du gesagt oder getan hast, das kann ich Dir nicht verzeihen“, sondern Gott sagt: „Ich freue mich, dass Du zu mir gekommen bist und wieder da bist. Und ich gebe Dir eine neue Chance und ein neues Leben. Mach was draus und ich unterstütze Dich dabei!“ 

 

Wenn wir doch auch so offen wären wie Gott, wenn wir doch auch die Hand ausstrecken würden zu dem, der sich uns abgewendet hat, wenn wir uns doch auch wieder an den Tisch setzen würden mit dem, der uns arg zugesetzt hat, wenn wir doch auch den Mut hätten, auf andere zuzugehen und sie um Verzeihung zu bitten, denen wir Unrecht getan haben. Ja, wenn wir doch auch so offen und dem anderen zugewandt wären, dann würde sich der andere freuen und wir würden uns freuen und wir würden mehr vom Leben haben und Leben würde lebendiger, bunter, vielfältiger, schöner werden. 

 

Ich wünsche uns, dass Gottes Freude auf uns strahlt und wir durch sie berührt, angesteckt, bewegt werden und die Freude im Himmel und vor den Engeln sich auch auf der Erde ausbreitet und wir zunehmend das Reich Gottes spüren, in dem alle ihren Platz finden, die Gerechten und die Sünder, die Gesunden und die Kranken, die Reichen und die Armen. Gott ist ein Gott der Freude und er will für alle Menschen und die ganze Schöpfung Freude schaffen. Amen. 

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