Zum Nachlesen: Ansprache zu Pfingsten

Liebe Zuhörende,

· viele von uns kennen seit Kindheitstagen die Geschichte vom Turmbau zu Babel, die der Predigttext des diesjährigen Pfingstfestes ist. In ihr wird erzählt, wie die Menschen am Anfang alle zusammen sind und eine Sprache sprechen und dann anfangen, eine Stadt und einen Turm bis an den Himmel zu bauen, um sich einen Namen zu machen. Doch dann kommt Gott vom Himmel herab und verwirrt ihre Sprache und zerstreut sie auf der ganzen Erde und der Turmbau ist beendet.

 

· Ich habe mich schon öfters gefragt, warum Gott eigentlich vom Himmel herabkommt und den Men-schen verschiedene Sprachen gibt und sie auf der ganzen Erde verteilt – zum Glück aber nicht die ganze Stadt und den Turm zerstört. Warum freut sich Gott nicht einfach, dass die Menschen schein-bar alle beieinander sind, Hand in Hand arbeiten und etwas erreichen wollen und auch erreichen?

 

· Und dann frage ich mich natürlich ebenfalls, was diese Turmbaugeschichte mit der Pfingstgeschichte zu tun hat, die ja scheinbar ganz anders ist. Denn da gehen die Menschen ja nicht in alle Welt und sprechen unterschiedliche Sprachen sondern kommen aus aller Welt und verstehen einander und vor allem verstehen sie die gute Botschaft von Jesu Leben, Leiden und Auferstehen und sind fröhlich.

 

· Auch wenn die beiden Geschichten ganz unterschiedlich scheinen, so haben sie doch mehr miteinander zu tun als wir zunächst meinen. Denn in beiden Geschichten, nicht nur in der Pfingstgeschichte, geht es darum, den Menschen ein lebenswertes Leben zu schaffen, Zukunft zu eröffnen. - Es ist ja mitnichten so, dass alle Menschen in Babel ein lebenswertes Leben haben. Stattdessen kommen die einen dem Himmel immer näher und die anderen sind ganz unten, die einen sonnen sich im Licht und die anderen schuften im Dunkeln, die einen befehlen und die anderen müssen gehorchen, die einen fühlen sich wie Gott und die anderen wie Nichtse.

 

· Gott aber kommt darnieder und verwirrt die Sprache und zerstreut die Menschen auf der ganzen Erde, damit nicht nur einige sondern alle Menschen eine Chance auf ein lebenswertes, menschenwürdiges Leben haben, damit alle Menschen genug zum Leben haben, damit alle Menschen ein buntes, vielfältiges, lebendiges Leben erleben, damit alle Menschen aufeinander zugehen, kreativ und phantasievoll im Miteinander werden.

 

· Würde Gott doch auch heutzutage immer mal wieder vom Himmel herabsteigen, um den ein oder anderen Turmbau zum Stillstand zu bringen und die Perspektive der Menschen zu ändern, sie nicht nach oben und nach vorne blicken und nach „weiter, größer, besser“ streben zu lassen , sondern auch zur Seite und nach unten schauen und sich mit dem Erreichten zufrieden geben zu lassen. Würde Gott doch auch heutzutage die vielen unheilvollen Türme stoppen: Die wirklichen Türme und Häuser, und Straßen, die die einen im Glanz und die anderen im Dreck leben lassen. Die Türme der Digitalisierung, die zu Überwachern und Überwachten, Gebildeten und Abgehängten führen. Die Türme der Wirtschaft, die die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden lassen. Die Türme der Rüstung, die die einen zu Gewinnern und die anderen zu Verlierern machen. Die Türme der Wissenschaft, die in der Nuklear- oder Gentechnologie Leben erhalten und Leben vernichten kann Würde Gott doch auch heutzutage seinen Geist senden und die Menschen zu einem Perspektivwechsel führen, auch anderes in den Blick nehmen lassen, damit alle Menschen, die

Großen und die Kleinen, die Jungen und die Alten, die Starken und die Schwachen leben können und Zukunft haben, auch die Menschen, die noch gar nicht da sind, die nachfolgenden Generationen.

 

· Gottes Geist weht, wo er will und er kann wehen, wenn er will. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er auch bei den Türmen unserer Zeit dazwischenfunken wird, bevor es zu spät ist, dass er sie zu Leuchttürmen werden lässt, die den Menschen auf ihrem Weg helfen statt diese zu verbauen. Gott ist ein Gott, der Leben für alle Menschen, für die ganze Schöpfung will. Darauf vertraue ich. Gott sei Dank. Amen.

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