Zum Nachlesen: Ansprache zu Misericordias Domini

„Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (Ez 34,16)

Liebe Zuhörende, 

„Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden und vom Fett und der Wolle ihrer Herde leben, die sie eigentlich weiden sollen“ – so beginnt der Predigttext  für den zweiten Sonntag nach Ostern aus dem Buch des Propheten Ezechiel. „Wehe den Hirten Israels“ und gemeint sind damit die politischen und religiösen Führer, die ihr Volk vor 2500 Jahren gnadenlos ausbeuteten und in Saus und Braus lebten und drauf und dran waren, ihr Volk und sich selber ins Unglück zu stürzen.
 

„Wehe den Hirten“ – „Wehe denen da oben“ – in diese Klage und Anklage des Propheten Ezechiel können wir ohne Weiteres einstimmen. Denn nicht nur im alten Israel sondern in der  ganzen Menschheitsgeschichte haben immer wieder die da oben auf Kosten des Volkes gelebt. Und auch heute gibt es noch immer und immer wieder Reiche und Mächtige, die einfach nicht genug bekommen können und über die sprichwörtlichen „Leichen“ gehen: Politiker, die sich ihre Diäten erhöhen, im Luxus schwelgen und gleichzeitig die Steuern und Abgaben erhöhen,; Firmenbosse, die Boni in astronomischer Höhe einstreichen und ihre Angestellten für viel zu wenig Lohn und unter katastrophalen Bedingungen arbeiten lassen; religiöse Führer, die aus ihren Anhängern das Letzte herauspressen und die Gläubigen in totale Verzweiflung bringen.
 

„Wehe den Hirten“ – wir sind schnell bei der Klage und Anklage des Propheten dabei und vergessen dabei nur allzu oft, dass wir ja auch selber häufig nur uns selber weiden und uns nur bedingt um andere kümmern. Wir schauen oft genug nur auf uns, kreisen um unsere Probleme, unsere Zukunft, unser Lebensglück und vergessen dabei nur zu oft, dass unser Lebensstil auf Kosten anderer geht. Wir schauen, dass wir beim Kauf von Kleidung und Möbeln Schnäppchen machen können und lassen außer Acht, dass das nur geht, weil andere für ihre Arbeit nicht recht bezahlt werden. Wir leisten uns unzählige Produkte und schauen gar nicht darauf, dass in jedem zweiten Produkt Palmöl drinnen ist und zahlreiche Menschen weltweit wegen Palmölplantagen Grund und Boden verlieren.
 

Wie gut tut da der Prophet Ezechiel, der uns vor Augen führt, dass Gott da nicht drüber wegsieht, sondern sich als rechter Hirte zeigt, der denen da oben arg ins Gewissen redet und sich denen da unten deutlich an die Seite stellt und ihnen zuspricht: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (Ez 34,16). Was muss dieser Vers den Menschen damals in Israel Mut gemacht haben und was macht er auch Menschen heute Mut! – Mut, sich nicht mit dem Verlorensein, Abgehängtsein, Verwundetsein, Unten sein abzugeben, sondern seine Stimme zu erheben und die Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und Gerechtigkeit einzufordern. – Mut, auf Verlorene, Abgehängte, Verwundete, Arme zuzugehen und ihnen das zu geben, was sie zum Leben brauchen – Mut, dafür zu sorgen, dass es nicht mehr zum Verlorensein, Abgehängtsein und zum Verwundetsein kommt und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten bei sich selbst oder bei anderen mit dazu beizutragen – Mut, dass wir Menschen uns als eine Herde unter einem Hirten, nämlich Gott, verstehen und aufeinander achten – Mut, dass die Starken den Schwachen beistehen, dass die in der Mitte Stehenden die außen Stehenden hineinholen – Mut, nicht nur nach Stärke zu schielen sondern auch zur Schwäche zu stehen und sich auch da von Gott wertgeschätzt zu wissen. Gott will uns alle weiden, wie es recht ist, wie es für das Leben notwendig ist und er will uns alle dafür in den Dienst nehmen, will uns zu rechten Hirten, die sich um ihre Herde kümmern, und zu Schafen, die darauf vertrauen dürfen, dass sie recht geführt werden machen. Gott sei Dank. Amen. 

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