Zum Nachlesen: Andacht zum 3. Sonntag nach Epiphanias

Foto: Ka Young Lee

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ (Ruth 1,16b)

Liebe Gemeinde,

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ (Ruth 1,16b) – ein bekannter und beliebter Bibelvers – bei wie vielen Hochzeiten habe ich darüber schon predigen dürfen oder müssen?! Nun hat diesen Satz aber nicht ein Mann zu einer Frau, eine Frau zu einem Mann oder zwei sich liebende Männer oder zwei sich liebende Frauen zueinander gesagt, sondern in einem kleinen alttestamentlichen Büchlein spricht diese Worte die Schwiegertochter Ruth zu ihrer Schwiegermutter Noomi, eine junge zu einer alten, eine bessersituierte so einer ärmeren, eine einheimische zu einer geflüchteten Frau. 

Noomi war vor vielen Jahren wegen einer Hungersnot mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen aus Juda ins benachbarte und nicht sonderlich gelittende Moab geflohen und sie hatten als Wirtschaftsflüchtlinge dort jahrelang mehr schlecht als recht gelebt. Mittlerweile waren ihr Mann und die beiden mit einheimischen Frauen verheirateten Söhne gestorben und da sich die Situation in ihrem Heimatland wieder gebessert hatte, beschloss Noomi, zu ihrer Familie nach Juda zurückzukehren. Vermutlich aus Pflichtgefühl gingen die beiden Schwiegertöchter zunächst mit, doch dann kehrte die eine von beiden auf Anraten Noomis um, die andere aber ließ sich nicht umstimmen. Ruth hätte genauso wie viele Menschen damals und heute sagen können: „Warum soll ich mich um meine ausländische Schwiegermutter kümmern? Soll sie doch hingehen, wo sie hergekommen ist, und meinem Land nicht auf der Tasche liegen und mein Land kulturell, religiös und anderswie unterwandern. Die war lange genug hier wie so viele andere. Und warum soll ich selbst in die Fremde gehen und dort ein Leben als Außenseiterin und mit Verachtung leben?“ Ja, das hätte Ruth alles sagen können, hat sie aber nicht gesagt, stattdessen die berühmten Worte: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott - Ich steh an Deiner Seite, ich lass dich nicht allein, ich geh Deinen Weg mit, wohin er auch führt, ich bin neugierig und freue mich auch alles, was vor mir liegt.“ 

Ruth hat diese bekannten Worte sicherlich nicht gesagt, weil sie naiv war oder weil sie ihre Schwie-germutter, die ja sonst bei ihren Schwiegertöchtern nichtt so einen guten Ruf haben, besonders ge-liebt hat. Ganz bestimmt nicht. Nein, Ruth sagte diese Worte, weil sie sich bewusst war, dass wir alle den gleichen Gott haben und dass wir alle Kinder Gottes sind. Und sie sagte diese Worte, weil ihr das Flüchtlings-schicksal Noomis ans Herz ging und es ihrer Familie genauso hätte passieren können. Und sie sagte es schließlich und letztlich, weil sie im vermeintlich Fremden nicht nur eine Gefahr und Bedrohung sondern auch und vor allem eine Chance und eine Bereicherung sah. Und sie sollte recht behalten, wie wir aus dem weiteren Verlauf des Büchleins Ruth wissen. Sie lernte in Juda Boas kennen und lieben, kam zu Ansehen und Wohlstand und wurde Ahnherrin des Königshauses David. 

Was für eine mutige Frau, die Ruth, eine Frau, die den Mut hat, über den Tellerrand zu schauen, nicht nur sich selber im Blick zu haben, sondern auch auf andere jenseits von Volk und Glaube und Status zu schauen, sich auf sie einzulassen, von ihnen zu lernen, ihnen zu helfen, wo Hilfe von Nöten ist und bei diesem Weg ins Unbekannte darauf zu vertrauen, dass sie da nicht allein sondern dass Gott bei ihr ist und dass sie letztlich nicht verliert sondern gewinnt. Ja, was für eine mutige Frau!

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ haben wir den Mut, uns so wie Ruth ebenfalls auf den Weg zu machen, auf andere zuzugehen und mit ihnen zusammenzugehen, die von Menschen gesetzten Grenzen zu überschreiten, nicht nur Grenzen zu Geflüchteten, sondern auch Grenzen zu Wohnsitzlosen, zu Psychisch Kranken und zu vielen anderen, die in unserer Gesellschaft leider draußen vor sind, aber ebenfalls Kinder Gottes und von Gott besonders geliebt sind. Haben wir den Mut, zu schauen, wie es ihnen wirklich geht, was sie fühlen und denken, was sie wirklich brauchen. Haben wir den Mut, uns ihnen an die Seite zu stellen, uns mit ihnen zu solidarisieren, ihnen zu einem würdevollen und menschlichen Leben zu verhelfen, und aus vollem Herzen so wie Ruth zu sagen: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Wenn wir uns die Ruth zu Herzen nehmen, dann wird unser Leben letztlich bereichert, entstehen neue Lebensmöglichkeiten, dann werden wir eines Tages so  wie es im Wochenspruch heißt, „mit vielen Menschen aus Osten und Westen, Norden und Süden zu Tisch sitzen im Reich Gottes.“ (Lukas 13,29). Was für eine herrliche Vision! Amen. 


 

 

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